Eines der letzten Abenteuer: Au-pair-Mädchen im Haus
Man kann Glück haben mit Au-pair-Mädchen. Bei dem Unfall, den Monika gebaut hat, entstanden nur vierzigtausend Euro Schaden, und unsere Kinder haben ihn überlebt.
Aber auch sonst war Monika bezaubernd. Immer gut gelaunt, auch wenn sie nach durchzechter Disco-Nacht nur zwei Stunden geschlafen hatte. So beliebt bei ihren Freundinnen, dass das Telefon bei uns nicht mehr still stand. So gutmütig, dass die Kinder bis Mitternacht im Haus herumtanzten, wenn wir nicht da waren. Wir trauern Monika sehr nach.
Ihre Nachfolgerin reiste an, erkundigte sich, wo bei uns im Dorf die nächste Kunstgalerie und das Internetcafe seien, und ob sie wirklich morgens mit uns aufstehen müsse. Ihr Gesicht sah ständig aus, als habe sie gerade in eine Zitrone gebissen. Sie war ungefähr so schnell wie eine Weinbergschnecke auf Valium; jegliche Bitte um Mithilfe im Haushalt führte zu einem Totalausfall des Bewegungsapparates. Unsere Kinder betrachtete sie mit einem Blick, als wären sie lästiges Ungeziefer, das aus Versehen ins Haus geraten ist.
Am dritten Tag brachte ich das Mädchen zum Zug.
Einige Wochen später zog Rita bei uns ein. Ich war begeistert von ihren guten Deutschkenntnissen, bis ich merkte, dass sie zwar zu allem „Ja, ja“ sagte, aber kein Wort verstand. Sie verbrachte ihre Freizeit unter der Dusche; unser Wasserverbrauch stieg in der Zeit ihres Aufenthaltes um ein Drittel. Den Rest des Tages saß sie in ihrem Zimmer und schrieb Briefe; wenn ich sie bat, mit Paulina zu spielen, stellte sie sich so begriffsstutzig an, dass Paulina erklärte, Rita sei ihr zu blöd. Ich konnte ihr nicht ernsthaft widersprechen.
Wenn ich fortan das Haus verlassen musste, brachte ich die Kinder bei Freunden oder Verwandten unter, um das Au-pair-Mädchen nicht beim Duschen stören zu müssen. Nur ins Bett gingen die Kinder bei ihr widerspruchslos; ich vermute, um sie nicht mehr sehen zu müssen.
Auch unsere Zeit mit Rita ging bald zu Ende, und ich fragte mich allmählich, ob es an uns lag, dass der schöne “Au-pair”-Gedanke („von gleich zu gleich“) sich in der Praxis als so wenig erfolgreich erwies. Ich interviewte einige Freundinnen mit einschlägiger Erfahrung.
So erfuhr ich von Martine aus Frankreich, die morgens nur zum Aufstehen zu bewegen war, wenn die Gastmutter ihr das Frühstück ans Bett servierte, aber bitte nicht vor neun Uhr. Oder von Gitte aus Dänemark, die sich nach drei Tagen den Fuß brach, vier Wochen von ihrer Gastmutter gepflegt wurde und danach spurlos verschwand, nicht ohne eine Telefonrechnung von tausend Euro zu hinterlassen. Gut fand ich auch die Geschichte von Natascha aus der Ukraine, die nachts heimlich ausging und die ihr anvertrauten Kinder, darunter ein Baby, sich selbst überließ. Oder die von Lydia, die zwei Monate nach ihrer Ankunft im vierten Monat schwanger war. Oder die von Kristina, die statt in den Sprachkurs zum Putzen ging. Schließlich wunderte ich mich auch nicht mehr über die Geschichte von Tatjana, die mit einem Porsche zum Vorstellungsgespräch kam, in dem ein wenig Vertrauen erweckender Herr mit Tätowierung und Goldkettchen auf sie wartete.
Gehen wir mal davon aus, dass es sich hier um die Einzelfälle handelt. Aber auch im Normalfall muss man sich doch fragen, ob man von einem Au-pair nicht ein bisschen mehr verlangen kann, als dass das Haus noch steht und die Kinder nicht verhungert sind, wenn man nach Hause kommt. Was erwarten diese Mädchen eigentlich von ihrem Aufenthalt?
In den Prospekten der Vermittlungsagenturen ist viel die Rede vom Kulturaustausch, vom Kennenlernen von Land und Leuten. Jana, eine von Monikas tschechischen Freundinnen, hat es so ausgedrückt: „Wir haben ein Jahr Zeit, um einen deutschen Mann zu finden, der uns heiratet.“
Ich neige inzwischen zu der Ansicht, dass es nicht an uns liegt, wenn’s nicht klappt. Bleibt die Frage, wie es nun im Hause Fried weitergeht. Eine Möglichkeit ist, dass ich meinen Beruf aufgebe. Keine Talkshow mehr, keine Kolumnen mehr, keine Bücher mehr. Auch ins Kino muss ich ja nicht mehr gehen, oder nur noch dann, wenn mein Mann den Babysitter macht. Wenn Freunde uns sehen wollen, müssen sie eben zu uns aufs Land kommen. Und meinen monatlichen Frisörbesuch in der Stadt kriege ich in den Vormittagsstunden unter, wenn die Kinder in der Schule sind.
Hat ja auch ’ne Menge Vorteile, kein Au-pair-Mädchen zu haben. Keine langen Haare im Waschbecken, keine überhöhten Wasserrechnungen, keine blockierten Telefonleitungen, keine Totalschäden am Auto.
Aber Monika fehlt uns wirklich. Man kann nämlich Glück haben mit Au-pair-Mädchen. In den letzten Ferien hat sie uns besucht. Als sie nach einer Woche wieder abfuhr, haben wir alle geheult.
Aus: Am'elie Fried „Verborgene Laster und andere Geständnisse ”, Wilhelm Heyne -Verlag, 2003. – 140 S.




